Freitag, 27. April 2012

9. Etappe: Unterkochen – Bopfingen

Wegverlauf: Unterkochen – weißer Kocherursprung – Autobahnüberquerung (A7) – Hülen – Kapfenburg – Schöner Stein – Tierstein – Aufhausen - Bopfingen

Weglänge: 29,5 km


Anfahrt: Mit dem Zug nach Aalen und dort in den Zug Richtung Ulm umsteigen und bis Unterkochen fahren.

Rückfahrt: Mit dem Zug nach Aalen und dort in den Zug nach Stuttgart umsteigen.

Gelaufen am: 27.04.2011

Vom Bahnhof geht es neben Kirche und Friedhof leicht den Berg hinauf, dann noch ein Stück durch Oberkochen und am Sportplatz vorbei. Und dann ist man schon am weißen Kocher. Nicht zu verwechseln mit dem schwarzen Kocher. Und auch nicht mit dem Kocher bei der Jagst. Der weiße Kocher heißt so, weil er durch das starke Gefälle am Anfang etwas aufschäumt und so weiß aussieht. Ein bisschen kann man das nachvollziehen wenn man hier läuft. Der schwarze Kocher hingegen heißt so, weil er ruhig fließt und so schwarz wirkt. Sein Ursprung bei Oberkochen ist beeindruckender, da das Wasser an vielen Stellen aus dem Hang fließt und gleich zu einem großen Pool wird. Der Ursprung des weißen Kochers hingegen ist romantischer in dem engen Tal. Beide fließen dann bei Neukochenzusammen und bilden den Kocher, der nach vielen Kilometern bei Bad Freidrichshall in den Neckar fließt. (Wer den Ursprung des schwarzen Kochers mal besuchen will kann gleich noch weiter südlich mitten in Königsbrunn die Brenzquelle besuchen - ein lohnender Tagesausflug mit drei Quellen. Dies ist ein Quellreiches Land.)

Auf der Karte ist es nicht genau zu sehen, ob hier noch andere Bäche in den weißen Kocher fließen oder nicht und daher bin ich etwas unsicher, wo denn nun der Kocherursprung ist. Aus den Hängen fließt an mehreren Stellen viel Wasser, so dass ich erst eine dieser Stellen für den Kocherursprung halte. Aber man muss einfach immer weiter in das eingeschnittene Tal hineinlaufen und kommt so ganz automatisch an den Kocherursprung. Am Wegesrand stehen Unmengen von silbriggrauen Pflanzen. Es sind Silberblätter wie ich nach der Tour in meinem schlauen Pflanzenbuch nachlese. Für so etwas ist es schon praktisch eine Camera mit dabei zu haben. Man photographiert die unbekannte Pflanze und sieht zu Hause nach. Das Buch mit zutragen wäre mir zu schwer. Es geht leicht bergan, der weiße Kocher plätschert unter Baumstämmen hindurch und auf der anderen Seite läuft eine Gruppe Spaziergänger. Der Kocherursprung ist wohl ein beliebtes Ausflugsziel. Nach der Quelle geht der Weg seitlich nach oben und ich hole meine mitgebrachte Tüte Gummibärchen raus. Ich nehme Gummibärchen gerne mit auf Wanderungen, weil sie zwischendurch erfrischend wirken. Außerdem schmecken sie mir gut.

Nun geht es immer nach Norden, parallel zum HW4 bis dieser uns bei Wasseralfingen verlässt und weiter nach Norden geht wohingegen der HW1 nach Osten schwenkt. Im Wald sehe ich viel Waldmeister und die Knoblauchrauke. Es ist ein großes Waldstück, in dem man außer dem Wald nichts sieht. Normalerweise wird mir auf solchen langen Waldstücken immer ein bisschen langweilig, aber dieses Mal bin ich aufgeregt, weil ich nun in absolut unbekanntes Gebiet laufe. Hier war ich noch nie, nicht mal in der Nähe. In Wasseralfingen gibt es das Bergwerk Tiefer Stollen. Man fährt dort mit einen schmalen Bähnle rein. Ich denke, das könnte spannend sein.
Und dann komme ich an meine zweite Autobahnüberquerung. Es ist die A7 von Würzburg nach Kempten. Die Überquerung ist recht unspektakulär außer dass es hier einen schmalen weg gibt, der auch direkt auf die Autobahn führt. Wofür der wohl verwendet wird? Der ist bestimmt für die Straßenwart. Der Wanderweg führt jedoch über eine Brücke. Wie bei der letzten Autobahnüberquerung empfinde ich auch diese als Meilenstein und bin wieder erstaunt wie weit ich schon gekommen bin. Gerade bei solchen Schnellstraßen, die man mit dem Auto von zu Hause in null Komma nix erreichen kann (zumindest im Vergleich zum Wandern) wird mir die Dimension des Fernwanderwegs wieder klar. Lustig finde ich, dass ich nach dieser Autobahn das Gefühl hatte, dass die Kulturlandschaft und die Dörfer bayrischer aussehen und das baden-württembergische in den Hintergrund rückt, obwohl ich gerade so noch in Baden-Württemberg bin. Wenn man solche Grenzen erwandert kann man schön die Übergänge sehen. ich bin einmal von Stuttgart nach Kempten gelaufen und der Übergang von Oberschwaben ins Allgäu hat mich damals genauso fasziniert. Man sieht eine Zeit lang beides bevor das andere dominiert.

Und dann wird es wieder spannend. Von weitem sehe ich schon die Kapfenburg, die ich schon ein paar Mal aus dem Zug gesehen hatte. Sie begeistert mich sofort. Wenn man lange Zeit etwas nur aus der Ferne sieht und dann plötzlich davor steht und genau weiß, dass man nun hinlaufen wird ist das immer ein besonderer Moment. Ich lasse mir hier auch viel Zeit. Mit dem Blick auf die Burg sehe ich am Wegesrand schöne zarte weiße Blumen, die ich zunächst für eine Art Anemonen halte und photographiere munter drauf los. Ein Blick in mein Pflanzenbuch zu Hause sagt mir jedoch, dass diese Pflanze große Steinmiere heißt. Eine besonders elegante Pflanze. Ich werde hier mal einen Post einstellen, in dem ich Euch die vielen Pflanzen zeige, die ich auf meinem Weg gesehen habe. Beim Waldaustritt sehe ich links am Feldrand eine Bank und setze mich darauf. Direkt mit Blick auf die Kapfenburg. Hier mache ich Rast und esse meine belegten Semmeln.

Der Weg würde nun an der Kapfenburg vorbei führen. Ich mache natürlich einen Abstecher dorthin. Es ist gerade mal ein Katzensprung. Und ich bin überrascht. Eigentlich habe ich eine Burg erwartet, die dann und wann ein paar touristische Besucher hat, aber die Burg, die eigentlich Schloss Kapfenburg heißt wie ich nun lerne, wird als Musikakademie verwendet und ist voller Leben. Schüler kommen an, reisen ab, gehen in ihre Zimmer und laufen mit Instrumenten durch die Gegend. Die Burg lebt. Auch heute noch. Es gefällt mir, was man aus einer alten Burg noch alles machen kann. Entsprechend gut ist sie natürlich auch in Schuss. Man kann allerdings nicht überall rein. Zu einem schönen Rundgang reicht es allemal. Der Innenhof ist riesig. Und man hat einen schönen Ausblick Richtung Lauchheim. Und dann fängt es an zu nieseln und geht bald in leichten Regen über. Ich stelle mich nur kurz zusammen mit einer Klasse Kinder unter den Torbogen und hole meine Regenjacke und den Regenschutz für meinen Rucksack raus, schraube die Stöcke auf und laufe los. Die Kinder schauen mich groß an. Der schnelle und entschlossene Schritt in den Regen wie wenn das das normalste auf der Welt wäre (wird es auch, wenn man viel draußen ist) bringt mir erstaunte und verwirrte Blicke ein, aber auch bewundernde und ich werde gleich fünf Zentimeter größer. Die Kiddies folgen mir mitsamt ihrer Betreuerin. Wenn einer den ersten Schritt macht...

Als ich auf den HW1 stoße wird der Regen intensiver und ich tausche am hellblauen Brunnen die Stöcke gegen den Regenschirm ein. Das ist mir dann doch lieber. Ich laufe noch eine Weile über das offene Feld und komme dann in den Wald hinein. Ich bin etwas verwirrt, weil die Beschilderung nicht ganz eindeutig ist. Hier wurden Bäume gefällt. Vielleicht ist ja einer der Schilder an einem gefällten Baum gewesen. Und während ich mich noch umsehe kommen zwei Männer mit Heckenschere und Schildern in der Hand. Sie schneiden das HW1 Schild frei und nageln ein neues an einen anderen Baum. Wow. Das sind also die fleißigen Hände, die den weg pflegen. Und die Antwort auf die Frage, die ich mir schon lange gestellt habe, wer wohl die vielen vielen Wege des schwäbischen Albvereins pflegt. Ich sage ihnen wie toll ich den Weg finde und wie gut er beschildert ist. Die Jungs grinsen sich an, ein Lob tut immer gut. Ich treffe sie später nochmals, als ich wieder ein Schild übersehen hatte, das zugewachsen war und kurzzeitig in die falsche Richtung gelaufen bin. Gemerkt habe ich das, als es bergab ging. Der weg geht oben lang, das kann nicht sein. Also zurück. Und da sind die beiden wieder und schneiden das Schild frei. Der Weg geht weiter durch einen schönen Wald auf einem schmalen Pfad. Solche Wege liebe ich. Der Regen hält sich in Grenzen, weil die Bäume einiges davon auffangen. Trotzdem ziehe ich bald auch meine Regenhose über, damit meine Jeans nicht zu sehr nass wird. Wenn eine Jeans einmal nass ist, bekommt man sie nicht mehr so schnell trocken.

An einer Kreuzung ist eine Hütte, in der ich Pause mache. Der Regen ist stärker geworden und ich will eine weile warten bevor ich weiter laufe. Es ist schön so im Wald zu sitzen. Und tatsächlich: nach einiger Zeit hört es auf zu regnen. Und da waren sie wieder: die zwei vom schwäbischen Albverein. Wir laufen eine weile zusammen. Es ist das erste Mal, dass ich auf der Albumrundung mit jemandem laufe. Ich habe schon seit längerem beobachtet, dass Fernwegläufer meistens alleine unterwegs sind und Tagsausflügler in Gruppen. Sie erzählen mir von ihrer Pflegearbeit auf den Wegen, die sich nicht nur auf den HW1 beschränkt, und fragen mich woher ich komme. Und dann versuchen sie mich zu überreden heute Abend mit ins Vereinshaus zu kommen in Lauchheim. Ich fand die Einladung total nett. Ein Abend in lustiger Gesellschaft (dort sei immer was los) wäre nicht schlecht, aber ich wollte ja heute bis Bopfingen laufen. Zudem überaltert der schwäbische Albverein. Meine beiden Begleiter dürften die 70 auch schon überschritten haben und erzählen mir schon von ihren Enkeln. Diese Überalterung ist sicher eine Teufelsspirale. Ich kann mir vorstellen, dass viele so denken wie ich: was soll ich denn da, wenn alle ungefähr doppelt so alt sind wie ich? Und die Ausflüge, die angeboten werden umfassen größtenteils einstellige Kilometerstrecken, maximal 12km. Das ist mir deutlich zu wenig. Wenn ich älter bin ist das vermutlich genau richtig, aber jetzt noch nicht. Es wird viel Wert auf das Gemeinsame und eine Einkehr gelegt, weniger auf lange Strecken, was vermutlich auch ein Spiegel des Altersdurchschnitts dort ist. Hier muss vielleicht eines Tages ein Generationswechsel stattfinden, denn es wäre schade, wenn wir den verein verlören. Die junge Generation wird sicher mehr angesprochen, wenn man statt Wandern Outdoor sagt. Ein bisschen das Programm erweitern und wer weiß vielleicht passiert es eines Tages bzw. es muss passieren. Wir erreichen den schönen Stein. Es ist ein Stein, auf den die beiden vom Albverein besonders stolz sind. Sie haben ihn bereits mehrmals erwähnt. Und ja, es ist ein schöner Korallenstein, aber wer die Alb bei Bad Urach kennt hat schon größere gesehen. Dort trennen sich unsere Wege. Wir winken uns noch zu. Eine schöne Wegbekanntschaft.

Es geht noch eine weile durch den Wald und dann bergab auf einen Bahntunnel zu. das ist die Bahn, die zwischen Aalen und Donauwörth verkehrt! Und prompt kommt ein Zug aus Donauwörth vorbei gefahren. Ich komme meinem Ziel immer näher. Und am Bahntunnel befindet sich der Tierstein, die Egerquelle. Eine schöne Quelle und am Baum davor ein für mich tolles Schild: hier steht das erste Mal Donauwörth drauf: noch 54km. Ich rechne noch kurz durch und ja, in zwei weiteren Etappen bin ich tatsächlich da!

Der Bahntunnel ist ein wenig unheimlich, da lang und dunkel. Man kommt dann an einem Sägewerk vorbei, das sich in das ganze Tal erstreckt und muss auch ein Stück über den Hof laufen. ich bin immer wieder erstaunt wo der HW1 entlang läuft. Man ist gleich in Aufhausen und läuft ein Stück durch den Ort bis man rechts wieder Richtung Bahnlinie abbiegt. An dieser Abzweigung habe ich einen jungen Mann mit Hund getroffen. Der Hund war ganz verschmust und wollte gar nicht mehr weiter.

Die Bahn unterquere ich und gelange dann zu einem Friedhof. Man sieht von hier unten schon die Burg und den Bahnhof, den ich aber nicht als Endpunkt nehme. Es ist noch genügend Zeit bis nach Bopfingen durchzulaufen. Manchmal ist es gut auf der Strecke verschiedene Möglichkeiten zur Rückkehr zu haben, falls man zu viel getrödelt hat oder einfach nicht mehr weiter laufen mag. Aber das gibt es eh selten bei mir. Trotzdem ist es beruhigend mehrere Möglichkeiten zu haben. Es geht steil zur Ruine Schenkenheim hoch, die ich mir nicht ansehe, weil ich von dem Wald hier oben ganz begeistert bin. Lerchen und Kiefern, teilweise Sand am Boden. Faszinierend. ich steige weiter hinauf und weiter. Erstaunlich wie weit es hier hoch geht. Damit habe ich gar nicht gerechnet. Es ist schön hier. Es geht dann noch ein Stück durch den Wald und leicht bergab und dann sehe ich ihn schon: den Ipf. Ich fand diesen Berg schon immer toll. Als Kind habe ich ihn aus dem Auto gesehen, wenn wir daran vorbei gefahren sind. Als Erwachsene war ich vor einiger Zeit in Bopfingen und bin dort auf dem archäologischen Pfad über Keltengräber zum Ipf. Er übt eine große Faszination auf mich aus und ich bin ganz hin und weg von dem Anblick. Während des Abstiegs habe ich ihn auch immer vor mir. Als ich aus dem Wald komme höre ich die Kirchenglocken und weiß, dass es knapp wird wenn ich den nächsten Zug noch erreichen will. Und da beschließe ich mir erstmal keinen Stress zu machen und setze mich auf eine Bank am Waldrand und schwelge im Anblick des Ipfs.

Später steige ich dann erst über Wiesen und dann durch die Straßen von Bopfingen bis zum Bahnhof ab. Der HW1 führt direkt am Bahnhof vorbei so dass ich keinen Extraweg laufe. Vor dem Bahnhof grüßt mich eine riesige Tafel des schwäbischen Albvereins, die mich darüber aufklärt welche Wege es hier gibt. Da ich noch viel Zeit bis zum Zug habe beschließe ich in den Stadtkern zu laufen. Bopfingen ist eine nette Stadt. Es lohnt sich hier einen Abstecher zu machen. Und dann finde ich zu meinem Entzücken einen Supermarkt. Ich habe es mir zur Gewohnheit gemacht auf meinem Weg lokale Produkte, allen voran lokale Biere mitzunehmen. Und ich werde fündig: Nördlinger Ankerbier und Wasseralfinger Bier. Die Kassiererin schaut mich erstaunt an als ich die vielen Flaschen in meinen Rucksack quetsche und loslaufe. Auf dem weg nach draußen komme ich an einem Bäcker vorbei und nehme mir Bopfinger Brot mit. Herrlich. Ich liebe es von meinen Ausflügen etwas mitzunehmen. Allerdings bin ich jetzt schwer bepackt und bin froh als ich am Bahnhof zurück bin. Dort unterhalte ich mich mit dem Bahnhofsvorsteher, da der Zug aus Donauwörth Verspätung hat. Triebwerksschaden. Egal, mir geht es gut. Von hier aus sehe ich die Flochburg und denke: dort werde ich das nächste Mal vorbei laufen. Auf der Rückfahrt bleiben wir noch bei Lauchheim stehen. Es regnet. Ob mich der Zug wohl nach Aalen bringt? Es wird knapp zum Anschlusszug. Aber dann geht es weiter. Ich fahre an Wasseralfingen vorbei und erinnere mich an den Tiefen Stollen. die Entscheidung eines Tages dorthin zu gehen reift. Und dann bin ich in Aalen. Es reicht noch auf den Anschlusszug! Er hat für uns gewartet.

Spät abends bin ich zu Hause angekommen. Es war bestimmt schon halb zehn Uhr. Und ich spürte die lange Strecke in den Muskeln. Für solche Fälle habe ich von Weleda das Arnika Massageöl. Es ist ein wahres Wunderöl wie es einmal eine Freundin von mir in den Bergen genannt hat als sie es ausprobierte. Vor dem Schlafengehen gut einmassieren und man spürt am nächsten Morgen nicht mehr wie viel man gelaufen ist. Das Öl und später im Sommer dann der Franzbranntwein waren mein ständiger Begleiter auf der Albumrundung.

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